Commonismus?

Zur Überwindung des Kapitalismus gehört dessen Analyse und materialistische Kritik. Doch wie stellen wir uns eine befreite Gesellschaft nach dem Kapitalismus vor? Welche Richtungen können eingeschlagen werden? Und was bedeutet eigentlich ein (anti-)utopistisches Bilderverbot unserer anvisierten Welt?

Den Kapitalismus reformieren oder revolutionär überwinden: Diesen beiden Pole – die Beibehaltung der Verhältnisse mit nur punktuellen Veränderungen oder die plötzliche Veränderung des Systems mit kompletter Neuausrichtung vormals kapitalistischer Lebensbereiche – stellt sich eine Transformation entgegen: Auch wenn in bestehenden kapitalistischen Verhältnissen kein komplett revolutionärer Wandel „einfach so“ machbar ist, so lassen sich konkret gemeinsame Räume und Dinge erschaffen, die bereits den Keim einer neuen Gesellschaft in sich tragen und in denen im kleinen Rahmen das reifen kann, was in einer befreiten Gesellschaft das Zusammenleben erleichtert. Simon Sutterlütti und Stefan Meretz nennen diese Gemeingüter englisch „Commons“ und leiten daraus in ihrer „Keimformtheorie“ einen „Commonismus“ ab.

Doch was genau sind diese „Commons“? Sie sind Orte und Projekte, die auf zwei Prinzipien basieren: Inklusivität und Freiwilligkeit. Nur ein inklusives Projekt, in dem nicht Besitzanspruch und Marktlogik die Mitwirkung und Ausrichtung vorgeben, ist geeignet, für jeden Menschen offen zu sein und den Raum zu geben es nach der eigenen Vorstellung mitzugestalten. Gleichzeitig muss dies auf Freiwilligkeit beruhen, denn Projekte können nur existieren (und koexistieren), wenn die Zugehörigkeit zu etwas nicht aus Zwang oder einem Abhängigkeitsverhältnis entsteht.

Als Beispiele für solche Projekte können etwa alternative Zentren, solidarische Landwirtschaftskollektive, Mieterinnengewerkschaften, Politgruppen, aber auch Wikipedia oder freie Software genannt werden.

Bei aller Namensgleichheit ist sein Commonismus aber nicht als strikte Abgrenzung zum Kommunismus gedacht. In kommunistischen und anarchistischen Wirtschaftskonzepten stecken bereits Konzepte und Werkzeuge der Commons: Etwa Vergesellschaftung von Ressourcen, bedarfsorientierte statt wertorientierte Produktion und die Organisation in freiwilligen und lose verbundenen Räten und Kollektiven statt eines monolithischen Staats oder reinen Marktlogiken.

In Bezug auf die Utopiebegriffe stellt sich die Frage, welche Rolle solche konkreten Bilder in der Utopieentwicklung spielen können. Ein Bilderverbot könnte dazu beitragen, bestehende Bilder und visuelle Repräsentationen zu dekonstruieren, um auf Ungerechtigkeiten und Widersprüche hinzuweisen.Durch die Vermeidung von Entfremdung könnten so authentischere und befreiendere Utopien ermöglicht werden.

Andererseits könnte ein Bilderverbot die Fähigkeit der Menschen einschränken, alternative Möglichkeiten zu visualisieren und zu erkunden. Diese gewisse „Zensur“ könnte zudem die kreative Entfaltung und den utopischen Diskurs behindern. Letztendlich sollte jede linke Bewegung ihren Verzicht oder Begeisterung an der emanzipatorischen Funktion ihrer Utopiebegriffe und -entwicklungen messen.