Crash statt Care

Der Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt zeigt, dass durch diese Entwicklungen der ohnehin schon ausgedehnte Niedriglohnsektor ein rasantes Wachstum erfuhr: Aktuell sind 22,2 Prozent aller Arbeitnehmer:innen von Armut und Prekarität gefährdet. Davon sind knapp 70 Prozent FLINTA*.

FLINTA* auf dem Arbeitsmarkt – Teilzeitbeschäftigung und Care-Arbeit: Dank der Frauenemanzipation der 60er Jahre wurden FLINTA* in den Arbeitsmarkt integriert, die Aufhebung der alleinigen Zuständigkeit von Hausarbeit blieb allerdings aus – eine Entwicklung zur sich weiter verstärkenden sozialen Ungleichheit zwischen Männern und FLINTA*, die somit auch die doppelte Wucht an Belastung und Ausbeutung mit sich trägt. Zwar steigt seit Jahren die Erwerbsquote von FLINTA* auf dem Arbeitsmarkt, aber in 2021 waren etwa die Hälfte der FLINTA* in Teilzeit beschäftigt. Bei Männern ist es lediglich jeder zehnte.

Diese Zahlen lassen sich durch die Verschränkung von unbezahlter Hausarbeit und entlohnter Frauenerwerbsarbeit erklären: Allein die Annahme, dass FLINTA* die Pflegeaufgaben übernehmen, stellt eine Barriere zum Arbeitsmarkt dar. Ihre Berufswahl fällt häufig auf Minijobs und Teilzeitbeschäftigungen, da die Hauptlast der Vereinbarung von Beruf und Familie überwiegend bei ihnen liegt. Ihre zeitlichen Ressourcen sind durch die Übernahme dieser unbezahlten Sorgearbeit beschränkt und sie sind nicht im gleichen Maße permanent verfügbar wie Männer. So arbeiten viele von ihnen also auf dem unsicheren sekundären Arbeitsmarkt statt auf den primären Arbeitsmarkt mit seinen stabile, gut bezahlten Arbeitsplätzen.

Durch die eigenen Emanzipationsbestrebungen können FLINTA* nun zwar am Arbeitsmarkt partizipieren, jedoch dienen sie als Wegbereiter für prekäre Beschäftigungen im neoliberalen Zeitalter und als »Manövriermasse zur Regulierung des Arbeitsmarktes«. Das Lohnniveau in typischen ›Frauentätigkeiten‹ ist grundsätzlich niedriger. Knapp 16,9 Prozent der Frauen in Deutschland waren im Jahre 2020 von relativer Einkommensarmut betroffen.

Die Konstruktion naturalistischer Zuschreibungen (also, dass Menschen Charaktereigenschaften, Talente und Vorlieben aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben bekommen), wie beispielsweise der „mütterlichen“ Fürsorge und die Selbstverständlichkeit weiblicher Care-Arbeit legitimieren geschlechtliche Arbeitsteilung der Gesellschaft. Die als selbstverständlich erachtete Arbeit, die ursprünglich im Privaten geleistet wurde, ist nun partiell in den Erwerbsarbeitsmarkt überführt worden. Auf Berufs- oder Branchenebene werden oft systematisch einzelne Arbeitsbereiche gegeneinander auf- bzw. abgewertet . Die Konstruktion von „weiblichen“ und „männlichen“ Erwerbsbereichen ist ein  Reproduktionsmodus der Geschlechterhierarchisierung. Hier lässt sich ein weiterer indirekter Zusammenhang ablesen: Die Unterschiede in Beschäftigungsart und Arbeitszeit werden auch durch die ursprüngliche Arbeitsteilung von Reproduktionsarbeit und Erwerbsarbeit geprägt. Sowohl auf dem Erwerbsarbeitsmarkt als auch in allen Lebensbereichen des ökonomischen und sozialen Handelns lassen sich wirtschaftlich relevante Differenzen zwischen den Realitäten von FLINTA* und Männern messen. Die Bevorzugung von Männern – und damit immer auch einhergehende Benachteiligung von FLINTA* – mündet in die ökonomische Diskriminierung trotz vergleichbarer Qualifikation. In der Summe kann sich dies in unterschiedlichem Einkommen oder Aufstiegschancen bemerkbar machen. 

Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt reproduziert und verstärkt konservativ tradierte Geschlechterrollen und die damit verbundene Arbeitsteilung des »male breadwinner« Modells. Durch diese Abgrenzungs- und Ausschließungsprozesse konnten sich Strukturen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung herausbilden, die schier unüberwindbar wirken, sich verstetigen und trotz ihres diskriminierenden Charakters letztendlich als ›natürlich‹ wahrgenommen werden.
Letztendlich hätte unsere gegenwärtige Arbeitsgesellschaft ohne die erbrachten Vorleistungen von FLINTA* unter nicht warenförmigen Bedingungen nicht in dieser Weise entwicklen können. Denn aus marxistischer Perspektive bilden Staat und Wirtschaft (und ihre Analogie aus Produktion und Reproduktion) ein enges Wirkungsgeflecht. Die sterile Aufhebung dieser Verbindung sei ein grundlegendes Merkmal für kapitalistische Gesellschaften. Die Trennungsstruktur ist in einem ökonomischen Kern angelegt, und wird nach dem Zweck der Kapitalverwertung bewertet und eingeordnet. Und das, obwohl der Begriff der Reproduktion nichts anderes als Wiederherstellung und Erneuerung von Arbeitskraft durch Erziehung, Hygiene, Gesundheit und Ernährung bedeutet.

Arbeitsteilige Prozesse der bezahlten wie auch unentlohnten personennahen Versorgungsleistungen, und FLINTA* als erwerbstätige Subjekte, die den Großteil dieser Arbeit in unseren Gesellschaften leisten, tauchen in relevanten Analysen von Finanz- und Wirtschaftskrisen kaum auf. Dies wird auch in der Betrachtung bei der Finanzierung öffentlicher Einrichtungen deutlich: Care wird nur dort subventioniert, wo auch eine Kapitalakkumulation stattfindet. Die Konsequenzen tragen FLINTA*:Letztendlich verschärfte sich die Prekarität der an die Lohnarbeit gekoppelten sozialen Problemlagen: Es sind die Spannungsfelder rund um die Reproduktionskrise, Einkommensverluste und Arbeitszeiten, welche überwiegend weibliche Beschäftigte trifft.

Wenn geringe Entlohnung auf andere Faktoren der unsicheren Arbeitskonditionen trifft, kann dies zu prekären Arbeits- und Lebensbedingungen führen. Nicht selten finden sich FLINTA* in Ehen und Partnerschaften durch ihre Rolle als Zuverdiener:in in einer ökonomischen Abhängigkeit wieder. Der überproportionale Anteil in der Gruppe der working-poor ist nur eine Konsequenz hieraus.

Auch an dieser Stelle wird der Zusammenhang von Beziehungen und finanzieller Absicherung deutlich: Die männliche Macht über FLINTA* wird durch die monetäre Besserstellung zementiert, da durch die prekären Lebensverhältnisse das Risiko der finanziellen Abhängigkeit steigt. 
Denn in dem gegenwärtigen konservativ-traditionellen Kleinfamilienidyll – sprich Vater, Mutter und Kinder – scheint ausschließlich die heteronormative Beziehung schützenswert. Alternative oder nicht monogame Beziehungsmodelle, gleichgeschlechtliche Liebe, kinderlose Paare oder sogar glückliche Singles sind dem Kapitalismus nicht förderlich. Das zeigt sich auch darin, dass in diesem Modell strikt binär gedacht wird und damit Lesben, Inter*, Nichtbinäre und transpersonen ignoriert werden. Dabei leiden diese Menschen ebenso, wenn nicht mehr, im alltäglichen kapitalistischen Normalzustand.

Care-Arbeit in der Doppel-Krise: Die Konsequenzen dieser Indifferenz, als Folge des neoliberal reguliertem Kapitalismus, sind gegenwärtig durch die Care-Krise offengelegt.  Sie umfasst die Gesamtheit von problematischen Einzelphänomenen wie dem Pflegenotstand, der Überforderung und steigenden Belastung von Pflegenden, der schlechten Bezahlung der Beschäftigten und der mangelhaften Qualität von professioneller Sorge- und Betreuungsarbeit zieht im Endeffekt eine ›global care chain‹-Problematik mit sich. Durch die Rekrutierung von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland versucht der Staat diesem Problemkomplex auf nationaler Ebene zu kompensieren.

Entgegen des gegenwärtigen Krisenmanagements, welches alleinig auf die Wiederherstellung der Funktionstüchtigkeit ausgerichtet ist, wird von Feminist:innen eine radikale Umgestaltung der Tiefenstrukturen der kapitalistischen Gesellschaft gefordert, um der kapitalistischen Produktions- und Verwertungslogik entgegen zu treten, mit der Fokussierung auf die Verwirklichung von menschlichen Bedürfnissen innerhalb des gesellschaftlichen und somit auch ökonomischen Handelns. Es gilt, die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse aus der privaten Sphäre rauszuholen und in eine alternative Gegenöffentlichkeit zu tragen. Nicht die profitorientierte Kapitalakkumulation, sondern menschliche Bedürfnisse sollten in das Zentrum der Arbeits- und Gesellschaftsorganisation gestellt werden. Oder um es in Marx’ Verständnis von Arbeit und Leistung zu sagen: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«. Einen Ansatzpunkt könnte die gewerkschaftliche Organisation bilden. Die Ausbildung eines Bewusstseins der Erwerbstätigen des Care-Sektors über ihre prekäre Lage und Interessen ist ein grundlegender Schritt. Dieser Bewusstwerdungsprozess kann widersprüchlich verlaufen und interpretationsbedürftig sein. Nichtsdestoweniger ist Selbstorganisation von lohnabhängig Beschäftigten ein relevanter Schritt, um politische Artikulationsmacht zu reklamieren, öffentlichen Druck auf politische Träger:innen auszuüben und letzten Endes eine kollektive Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.